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Die Entstehungssage der Wolpertinger ist ein Märchen, das eine mythische Herkunft der Daseinsform Wolpertinger erzählt und aus der auch die Figur des Prinz Kaltbluth stammt.

Erstmals niedergeschrieben und veröffentlicht wurde diese Sage von Hermo von Pfirsing, dessen erste signierte Ausgabe sogar in Nurnenblätter gebunden wurde. Das einzige verbliebene Exemplar dieses Buches stand lange ganz oben auf der Goldenen Liste bis es von Colophonius Regenschein gefunden und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.[1]

Die folgende Fassung der Sage ist ein Vortrag des Lehrers für Wolpertingerkunde Harra von Midgard an der Wolpertinger Schule:


Großer Wald

Der Große Wald

Haselhexe

Eine Haselhexe

Dort wo man in der Dämmerung oft ein unströstliches Stöhnen vernimmt, wo die Schatten hinterrücks gemeine Grimassen ziehen und die Nebel wie Gestalten wabern, da ist der Große Wald nicht fern.Zwei Unkenrufe und einen Eulenschrei weiter nur - und schon steht man schaudernd an seinem Saum, vor dem abweisenden Zaun aus schwarzen Baumgespenstern, die hoch oben ihr totes Geäst ineinanderflechten. Niemand geht in den Wald hinein, denn schließlich weiß jeder, dass tief in seinem Innern die Mume mit den hundert Fingern, der Immerhungrige Allesfresser, der Mann ohne Gesicht, der Böse Böse Wolf und die Waldspinnenhexe hausen, und so blieb das unheimliche Gehölz unbetreten, für viele, viele Jahre.

Eines Tages aber kam Prinzessin Silbermilch an diesen Ort. Sie war ein junges Reh, das bereits einschlägige Erfahrungen mit bösartigen Daseinsformen hatte, denn sie war ursprünglich ein Menschenkind, das von einer heimtückischen Haselhexe in ein Reh verwandelt worden war.

Prinzessin Silbermilch wusste nichts von der Mume mit den hundert Fingern, von dem Immerhungrigen Allesfresser, dem Mann ohne Gesicht, dem Bösen Bösen Wolf oder der Waldspinnenhexe, also lief sie nichtsahnend in das schwarze Gehölz. Es dauerte nicht lange, da fing der Wald an, sie mit dunklen Schattenfäden zu umgarnen, denn die Nacht brach herein, und Prinzessin Silbermilch war froh, in der Dämmerung ein schwaches Licht zu sehen. Als sie nähertrabte, stellte sich heraus, dass der Schein aus einem kleinen Haus auf einer Lichtung kam.

Haus auf der Lichtung

Ein Haus auf einer Lichtung im Großen Wald

Kleine Häuser auf Lichtungen im Großen Wald beinhalten gerne Geschöpfe mit bösen Absichten. Aber davon hatte das kleine Reh natürlich keine Ahnung, das unschuldige Ding. Also klopfte es scheu mit einem seiner Vorderhufe an die Tür des Hauses.

Wer Silbermilch öffnete war eine nette alte Großmutter, die die Prinzessin freundlich hereinbat. Die betagte Dame freute sich über den unerwarteten Besuch und bot dem Gast ein köstliches Gulasch an, das über dem Kaminfeuer in einem Topf brodelte. Prinzessin Silbermilch lehnte dankend ab, weil sie seit ihrer Verwandlung Vegetarier war, aber sie nahm gerne Platz am wärmenden Feuer. Kein Problem, sagte die Großmutter, sie könne im Handumdrehen ein paar leckere Gemüsefrikadellen zubereiten, und machte sich gleich an den Herd. Silbermilch wärmte sich am Feuer, streckte die müden Glieder und sah dem beruhigenden Spiel der Flammen zu, während sie dem Singsang der Großmutter lauschte. Beinahe wäre sie eingeschlafen.

Beinahe!

Denn plötzlich flog die Tür auf, und ein Nachtsturm wehte ins Haus, ein wilder Wirbel, der wie ein Derwisch einmal durch die ganze Stube und wieder hinaus fegte, und als er verschwunden war, war Prinzessin Silbermilch alleine. Wo die Großmutter gestanden hatte, war jetzt nur noch ein riesiger Blutfleck, halb auf dem Boden, halb über dem Herd verspritzt, und um den Fleck herum verstreut lagen hundert abgerissene Finger, mit langen gefährlichen Nägeln bewaffnet, immer noch zuckend. Und im Topf auf dem Herd kochte der abgerissene Kopf der bösen Mume.

Denn die Alte am Herd war mitnichten eine gastfreundliche Großmutter, sondern die Mume mit den hundert Fingern.

Als Prinzessin Silbermilch am nächsten Tag weiter durch den Wald lief, begegnete sie einem sehr, sehr dünnen Mann, der unter einer Eiche auf einem Stein saß.

"Ich bin ein Asket", sagte der dünne Mann, "was bedeutet, dass ich so gut wie nichts esse - nur alle paar Wochen einen Kieselstein mit etwas Sand, um meine Verdauungsorgane zu beschäftigen - ich hoffe, dadurch in einen Zustand spiritueller Erleuchtung zu geraten, der über gewöhnliche Zustände weit hinausgehen soll. Möchtest du mit mir fasten, schönes Kind?"

Prinzessin Silbermilch verstand kein Wort, außer dass sie "fasten" mit "rasten" verwechselte, und gegen eine kleine Pause hatte sie nichts einzuwenden, also legte sie sich zu Füßen des dünnen Mannes ins Gras. Der leierte seine Fastenformeln herunter, Worte wie Glöckchengebimmel, Sätze wie Wassergemurmel, und er lullte Silbermilch damit so ein, dass sie fast eingeschlafen wäre.

Fast!

Denn da erhob sich ein Wind im Wald, er rauschte zwischen den Birken hindurch und wirbelte das Laub auf, so dass Silbermilch nur von tanzenden Herbstfarben umgeben zu sein schien, und als der Sturm sich wieder legte, war der dünne Mann eins mit der Eiche geworden. Wie ein Tau hatte man ihn um den großen Baum gewickelt, jeder Knochen in seinem Leib war zerschmettert, er war mausetot. Und als die Prinzessin um die Eiche herumging, um das grausige Werk zu begutachten, da entdeckte sie einen Berg von sorgfältig abgenagten Schädeln der verschiedensten Waldtiere, vom Fuchs bis zum Eichhörnchen. So manch abgefressenes Rehhaupt war auch dabei - denn der dünne Mann war mitnichten ein Hungerkünstler, sondern der Immerhungrige Allesfresser, und um ein Haar hätte er auch Silbermilch verschlungen.

Also lief Silbermilch weiter durch den Wald, und als erneut der Abend herabsank, suchte sie Schutz in einem Gebüsch, denn sie traute nunmehr weder kleinen Häusern noch großen Bäumen. Der Nachtwind wisperte in den Weiden, und das Herz der Prinzessin war schwer, so schwer wie ihre Lider, und so kam es, dass sie zum dritten Mal um ein Haar entschlummert wäre.

Um ein Haar!

Denn da schnaubte etwas direkt in ihr Ohr. Prinzessin Silbermilch schreckte auf, und sie sah, dass sich ein dunkler Schatten über sie beugte. Sie spürte, dass er eiskalt war, und im Schein des Mondes sah sie einen Mann ohne Gesicht. Sie war schon ganz schwach, zu schwach, um sich zu erheben, denn er schlürfte ihr das Leben aus dem Ohr. Aber plötzlich brauste der wilde Wind durch den Wald, und der Mann ohne Gesicht hielt inne. Ein wütendes Brüllen folgte, der Schatten wurde von Silbermilch weggerissen und in die Luft gewirbelt, um ihn tanzte das Laub. Als sich der Wind wieder gelegt hatte, lag der Mann ohne Gesicht auf dem Waldboden, ganz still und seltsam verkrümmt - als habe man ihm das Rückgrat gebrochen.

Die Mume mit den hundert Fingern - tot. Der Immerhungrige Allesfresser - tot. Der Mann ohne Gesicht - tot. Von den bösartigen Geschöpfen des Großen Waldes waren noch der Böse Böse Wolf und die Waldspinnenhexe übrig - und einer von beiden stand nun neben der Leiche des Mannes ohne Gesicht und blickte Prinzessin Silbermilch an: ein mächtiger schwarzer Wolf, der auf zwei Beinen stehen konnte.

"Hallo", sagte der Böse Böse Wolf. "Guten Tag", sagte Silbermilch ängstlich. "Was willst du von mir?" "Ich will dich fressen", sagte der Wolf.

Da fing Prinzessin Silbermilch bitterlich an zu weinen, und der Wolf ging auf alle viere, lief zu ihr und sagte: "He, das war doch nur Quatsch, jetzt fang nicht gleich an zu heulen! Hast du denn keinen Sinn für Humor? Ich will dich doch gar nicht fressen." Denn er war, wie sich im folgenden Gespräch ergab, in Wirklichkeit gar kein Wolf, sondern ein verzauberter Mensch, den man Prinz Kaltbluth nannte. Prinz Kaltbluth hatte sich in Prinzessin Silbermilch verliebt, wie sie den Großen Wald betreten hatte, und er war ihr auf Schritt und Tritt gefolgt, um sie vor den Gefahren des Forstes zu beschützen. Er war der Wind, der über die Mume mit den hundert Fingern, den Immerhungrigen Allesfresser und den Mann ohne Gesicht gekommen war. Und wie der Zufall es wollte, war er von derselben Hexe, die auch Prinzessin Silbermilch verwandelt hatte, verzaubert worden. So etwas schmiedet zusammen, und auch Prinzessin Silbermilch verliebte sich in Prinz Kaltbluth, und sie gingen dahin, wo der Große Wald am dunkelsten ist, und dort geschah das Wunder der Liebe.

Wolpertingerwelpe (2)

Ein Wolpertingerwelpe

Waldspinnenhexennetz

Das Netz der Waldspinnenhexe

Kurze Zeit später gebar Prinzessin Silbermilch ein Junges, und es war weder ein Reh noch ein Wolf, sondern ein Wolfswelpe, der zwei kleine Hörner trug.

Eines Tages jedoch liefen Prinzessin Silbermilch und Prinz Kaltbluth in das Netz der heimtückischen Waldspinnenhexe und wurden vor den Augen ihres Kindes von ihr ausgesaugt. Übrig blieb eine einsame Waise.

So ist, der Legende zufolge, der erste Wolpertinger entstanden.[2]


Quellenangaben

  1. Die Stadt der Träumenden Bücher , 09. Colophonius Regenschein, S. 63.
  2. Rumo & Die Wunder im DunkelnErstes Buch: ObenweltIII. Wolperting , Die Geschichte von Prinz Kaltbluth und Prinzessin Silbermilch, S. 209-213.

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